Ich habe schon einmal über Zucker geschrieben, aber es gibt ja auch den Begriff Esssucht. Meine These: Essen wirkt wie eine Droge, oder zumindest kann eine Abhängigkeit entstehen, vielleicht schon allein über Glückshormone. Essen gibt einem ein gutes Gefühl. Eine Ernährungsberaterin hat einmal gesagt, wir essen halt, weil es uns schmeckt. Lässt sich das eigentlich nachweisen? Nachvollziehbar ist es jedenfalls: Was gut schmeckt, davon nimmt man mehr, ähnlich wie bei einer Droge.
Dazu fällt mir eine Szene aus Innsbruck ein. Bei einer Vorstellung zur Bauch-OP, wie ich sie immer nenne, sagte der Chef-Schnippler: Wenn man danach wieder eine Packung Snickers verputzt, hilft das natürlich nichts. Chef-Schnippler ist zugegeben ein provokanter Titel, aber er hat mich damals geärgert, daher die Wortwahl. Ich fand das stigmatisierend und ziemlich frech. Also habe ich mich zu Wort gemeldet und gefragt, ob Adipositas nicht hauptsächlich psychische Ursachen hat und man sie eher mit Verhaltenstherapie angehen müsste, denn körperliche Ursachen stecken wahrscheinlich nur bei den wenigsten dahinter. Er war, sagen wir so, not amused, und seine Auszubildenden auch nicht.
Was die KI-Modelle dazu sagen
Nachweisen lässt sich zumindest ein Teil davon: In einer kleinen PET-Studie mit sieben Teilnehmern hatte das Gehirn nach dem Essen eines Lieblingsgerichts Dopamin ausgeschüttet, und zwar umso mehr, je angenehmer die Mahlzeit empfunden wurde. Ein Übersichtsartikel beschreibt, dass Drogen und energiereiches Essen über dasselbe Dopaminsystem wirken und dass wiederholter Konsum die Selbstkontrolle schwächen und zwanghaftes Essen begünstigen kann. Die Erklärung der Ernährungsberaterin und die Drogen-These schließen sich also nicht aus. Dass Adipositas selten auf eine einzelne körperliche Ursache zurückgeht, stimmt, denn Formen durch einen einzelnen Gendefekt sind selten. Die Veranlagung spielt trotzdem eine große Rolle: Zwillingsstudien schätzen die Erblichkeit des BMI auf 47 bis 90 Prozent, und viele der beteiligten Gene wirken im Gehirn, unter anderem in Bereichen für Appetit, Belohnung und Sucht, womit die Grenze zwischen psychisch und körperlich unscharf wird. Ein Konsens von 36 internationalen Fachleuten hielt 2020 fest, dass Gewichtsstigma auch im Gesundheitswesen verbreitet ist und dass die Annahme, das Körpergewicht komme vor allem aus mangelnder Selbstdisziplin, dem Stand der Forschung widerspricht. Zum Vorurteil gehört auch, dass Menschen mit Adipositas für weniger intelligent gehalten werden: Eine Übersichtsarbeit nennt Studien, in denen Beschäftigte im Gesundheitswesen und Fitnesstrainer Patienten mit Adipositas unter anderem als faul, undiszipliniert und wenig intelligent einschätzten. In einem Experiment mit Fotos von 158 Kandidaten der Quizshow „Jeopardy!“ trauten die Teilnehmer einem Kandidaten umso weniger Kompetenz zu, je schwerer er wirkte, obwohl das Gewicht nichts mit dem tatsächlichen Abschneiden zu tun hatte.
Zusammengetragen von Claude (Anthropic), gegengeprüft von GPT-5.5 (OpenAI), GLM-5.3 (Z.ai), DeepSeek V4 Pro und Grok 4.7 (xAI).
Quellen
- Small DM, Jones-Gotman M, Dagher A: Feeding-induced dopamine release in dorsal striatum correlates with meal pleasantness ratings in healthy human volunteers. NeuroImage 2003;19(4):1709–1715
- Volkow ND, Wise RA, Baler R: The dopamine motive system: implications for drug and food addiction. Nature Reviews Neuroscience 2017;18(12):741–752
- Elks CE et al.: Variability in the heritability of body mass index: a systematic review and meta-regression. Frontiers in Endocrinology 2012;3:29
- Loos RJF, Yeo GSH: The genetics of obesity: from discovery to biology. Nature Reviews Genetics 2022;23(2):120–133
- Rubino F et al.: Joint international consensus statement for ending stigma of obesity. Nature Medicine 2020;26(4):485–497
- Puhl RM, Heuer CA: Obesity stigma: important considerations for public health. American Journal of Public Health 2010;100(6):1019–1028
- Levine EE, Schweitzer ME: The affective and interpersonal consequences of obesity. Organizational Behavior and Human Decision Processes 2015;127:66–84